Die pÀdagogische Ordnung des Johann Amos Comenius

Bernhard Stalla

 

„Eine bestimmte Ordnung fĂŒr Personen und Handlungen muß da sein. Die einen mĂŒssen herrschen, die anderen unterthan sein, und jeder muß wissen, was er an seinem Platz und zu seiner Zeit zu thun hat. Aber alles geschehe freiwillig, ohne zwingende Gewalt und vernunftgemĂ€ĂŸ, ohne List und Betrug. Denn die menschliche Natur will menschlich regiert werden, sie lĂ€ĂŸt sich lieber fĂŒhren als ziehen, lieber ĂŒberreden als zwingen; ist sie doch nach dem Ebenbilde Gottes vernunftbegabt und frei und mit dem Rechte freier Selbstbestimmung geschaffen.“ Johann Amos Comenius: Unum necessarium. Das einzig Notwendig. Ein Laien-Brevier. Aus dem Lateinischen ĂŒbersetzt von Johannes Seeger. Mit biographischer Einleitung, hrsg. von Ludwig Keller. Jena und Leipzig: Verlag Eugen Dietrichs 1904, Seite 131-132.

 
1. Grundlegung der PĂ€dagogischen Ordnung bei Comenius

Die PĂ€dagogische Ordnung des tschechischen Theologen, PĂ€dagogen, Schulreformer Jan Amos Komensky mit latinisiertem Namen Johann Amos Comenius (* 28. 03. 1592 Nivnice/MĂ€hren – † 15. 11. 1670 Amsterdam) beruht auf der universalen Einsicht in das Ganze und seine Ordnung. Sie ist aufgebaut auf die Lehre von Gott (Theologie), von der Welt (Kosmologie) und vom Menschen (Anthropologie). Als ewiges, höchstes Prinzip (transcendens) nimmt Gott als Schöpfer der Welt und des Menschen, als Herr ĂŒber alle Dinge eine zentrale Stellung in der Ordnung des Ganzen ein.
„GOTT ist aus sich selber / von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das allervollkommenste und allerseeligste Seyn (Ding.) Im Wesen / Geistlich und Einig. In der Persönlichkeit / Dreyfaltig. Im Willen / Heilig / Gerecht / GĂŒtig / Wahrhafftig. An Macht / der Gröste. An GĂŒte / der Beste. An Weißheit UnermĂ€ĂŸlich. Ein unbegreiffliches Liecht: und doch Alles in Allem. Überall / und Nirgend. Das höchste Gut / und alleine der unerschöpfliche Brunn alles Guten. Aller Dinge / die wir nennen die Welt / gleichwie ein Erschaffer / also ein Regirer und Erhalter.“ Comenius, Johann Amos: Orbis sensualium pictus. Nachdruck der Erstausgabe von 1658. Mit einem Vorwort von Hainer Höfener. Dortmund: Harenberg Kommunikation, 3. Auflage 1985 (Die bibliophilen TaschenbĂŒcher Nr. 30) Seite 6-7.
Johann Amos Comenius setzt das Bild Gottes gleich mit Weisheit, TĂŒchtigkeit, Heiligkeit. Er benennt vier Wesensmerkmale Gottes mit folgenden alles umfassenden Eigenschaften: „Die hervorstechenden Vermögen Gottes sind: I. seine Allwissenheit, II. seine AllmĂ€chtigkeit, III. seine Allheiligkeit, IV. seine völlige SelbstgenĂŒgsamkeit.“ Comenius, Johann Amos: Pampaedia. Lateinischer Text  und deutsche Übersetzung. Hrsg. von Tschizewskij, Dimitrij in Verbindung mit Heinrich Geissler und Klaus Schaller. Heidelberg: Verlag Quelle und Meyer o.J. (1960) (PĂ€dagogische Forschungen und Veröffentlichungen des Comenius-Instituts 5) Kapitel III: Omina, 14. Seite 57.
Gott hat als Anfangsgrund aller Prinzipien (principium principiorum), als Mitte aller Mitten (mediorum medium) und als Ziel aller Ziele (finis finium) alle geschaffenen Dinge zu einem OrdnungsgefĂŒge mit innewohnenden Gesetzten geordnet und den Menschen ein StĂŒck dieser rationalen Kraft gegeben, damit er erkennend und tĂ€tig daran mitwirkt. Die Welt wurde von Gott, als dem Anfang und Schöpfer aller Dinge, in ihrem idealen Zustand, als göttliches Ordnungswerk geschaffen. Johann Amos Comenius bestimmt „acht Wesensformen der Welt 1. die mögliche Welt (Mundus Possibilis), 2. die urbildliche Welt (Mundus Archetypus), 3. die Engelwelt (Mundus Angelicus), 4. die natĂŒrliche Welt (Mundus Naturalis), 5. die Welt menschlicher Wirksamkeit (Mundus Artificialis), 6. die sittliche Welt (Mundus Moralis), 7. die geistige Welt (Mundus Spiritualis), 8. die ewige Welt (Mundus Aeternus).“ Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel XV: Schola Mortis, Seite 447. Welt und Natur sind immer göttliche Ordnung. Die Verantwortung fĂŒr die Natur ist dem Menschen, der in der Welt dreifachen Umgang hat, mit der Natur, den Pflanzen und Tieren, mit anderen Menschen und mit Gott, als Aufgabe ĂŒbertragen. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel III: Omina, 10. Seite 447.  Von dieser idealen Weltordnung unterscheidet Comenius die reale, gegenwĂ€rtig vorhandene Welt. Weil die Menschen die grundlegende Ordnung nicht anerkennen und versuchen sich ĂŒber Gott zu erheben, zerbricht die Harmonie der idealen Welt, die Welt gerĂ€t in Unordnung und der Mensch fĂ€llt in SĂŒnde. Jedoch besteht fĂŒr Comenius die Hoffnung, dass der chaotische Zustand der Welt durch die Erziehung und Bildung des Menschen verbessert und die Ordnung wiederhergestellt werden kann.
Der Mensch als vernĂŒnftiges, zur Ordnung fĂ€higes Wesen stellt das Ebenbild Gottes, seines Schöpfers dar. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel IV: Omina, 8., Seite 103. Siehe auch: Schurr, Johannes: Comenius. Eine EinfĂŒhrung in die Consultatio Catholica. Passau: Verlag Passiva 1981 (Schriften der UniversitĂ€t Passau, Reihe Geisteswissenschaften, Band 2), Seite 29-45.  Der Mensch verbindet in seiner Natur das Wesen der Elemente, der unbelebten Natur, der Pflanzen, der Tiere und Engel. Der Mensch als Gesamtheit verfĂŒgt ĂŒber den Verstand (ratio), die Sprache (oratio), und die FĂ€higkeit zur werktĂ€tigen Bearbeitung (operatio). Zum Menschen gehören wesentlich das Vermögen des Geistes (animus) und seine Teile, die verstĂ€ndige Einsicht (intellectus), der freie Wille (voluntas) und das GedĂ€chtnis (memoria), die die Herrschaft ĂŒber die Dinge (potestas), die freie Entscheidung (arbitrium) und das Vermögen zum Handeln (facultates) ermöglichen. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel IV: Omnino, 17. Seite 113. Die Sonderstellung des Menschen in der Welt wird durch fĂŒnf Merkmale begrĂŒndet, der Mensch ist stark im Geist (animus) und in der Weisheit (sapientia), er vermag Werke (erga) zu tun, er kennt gute Sitte und Höflichkeit (mores) und er lebt in Frömmigkeit (religio). Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel III: Omina, 10. Seite 55. Die Aufgaben des Menschen bestehen darin, dass er erstens aller Dinge kundig sei (gelehrte Bildung: eruditio), zweitens die Dinge und sich selber beherrsche (Tugend oder Sittlichkeit: mores) und drittens alles auf Gott als den Ursprung aller Dinge zurĂŒckfĂŒhre (Glaube und Frömmigkeit: religio). Comenius, Johann Amos: Große Didaktik. Übersetzt und herausgegeben von Andreas Flitner. DĂŒsseldorf und MĂŒnchen: Verlag Helmut KĂŒpper 3. Auflage 1966 Seite 34-35. FĂŒr Comenius ist das Ziel des Menschen, die Ordnung des Ganzen zu erlernen und ein Abbild des Bildes von der vollkommenen Ordnung zu werden. Der Mensch braucht die fĂŒrsorgende Erziehung durch seine Mitmenschen, um sich als Mensch zu entfalten, er bedarf der Bildung, um die rechte Ordnung, den Sinn der Welt und der Dinge zu erfahren und selbst in der richtigen Ordnung zu stehen. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel II: Omens, 7. Seite 27.

PĂ€dagogische Sinnbilder von Comenius
Abbildung 1: Sinnbilder der pĂ€dagogischen Ordnung des Comenius. Abbildungen entnommen aus Comenius, Johann Amos: Orbis sensualium pictus. Dortmund: Harenberg Kommunikation 3. Auflage 1985 (Die bibliophilen TaschenbĂŒcher Nr. 30), Seite 6, 8, 74, 198.

2. PĂ€dagogik als Ordnung des Lebens

Die pĂ€dagogische Ordnung des Johann Amos Comenius begrĂŒndet sich auf der dreifachen Bestimmung und Heimat des menschlichen Lebens:
„Ein dreifaches Leben und dreierlei Aufenthaltsorte sind also jedem von uns vorbestimmt: Mutterleib, Erde und Himmel. Vom ersten zum zweiten gelangen wir durch die Geburt, vom zweiten zum dritten durch den Tod und die Auferstehung. Im dritten aber bleiben wir fĂŒr alle Ewigkeit. An der ersten Stelle empfangen wir Leben und AnfĂ€nge von Bewegung und Empfindung; an der zweiten erhalten wir Leben, Bewegung, Empfindung und AnfĂ€nge von Erkenntnis; an der dritten die unbegrenzte FĂŒlle von allen.“ Comenius, Johann Amos: Große Didaktik a.a.O. Seite 30-31.
Von dieser dreifachen Lebensbestimmung leiten sich folgende Ordnungsprinzipien ab, die das menschliche Leben prÀgen.
Der Mensch hat drei BĂŒcher, um zu Wissen und Erkenntnis zu gelangen: 1. Das Buch der Natur, 2. Das Buch der Vernunft, 3. Die Heilige Schrift. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel VI: Pambiblia, 28. Seite 167.
Der Mensch hat drei Gaben, um diese drei BĂŒcher zu lesen: 1. Die Sinne, 2. Den Verstand, 3. Den Glauben. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel III: Omnia, 38. Seite 167.
Diese Gaben muß der Mensch fĂŒr drei Bereiche anwenden: 1. Das Wissen, 2. Die Tugend, 3. Die Frömmigkeit. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel IV: Omnino, 1. Seite 93-94.
Davon leiten sich drei menschliche Aufgaben ab: 1. recht lernen, 2. recht handeln, 3. recht beten. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel III: Omina, 44. Seite 87.
Diese Ordnungsprinzipien fĂŒhren zu drei pĂ€dagogischen GrundsĂ€tzen, die Comenius aufstellt:
Omnes, jeder, aus jedem Standes, aus jeder Abstammung, aus jedem Volk, Mann und Frau, Jungen und MĂ€dchen, Kinder und Jugendliche sollen unterwiesen werden und durch Unterricht Einsicht und Wissen erhalten. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel II: Omnes Seite 23-49.
Omnia, alles soll jeder Mensch lernen, was zu seiner Vollendung fĂŒhrt und seine Persönlichkeit bildet. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel III: Omens Seite 49-93.
Omnino, im Ganzen soll jeder Mensch alles von Grund auf lernen und so Einsicht und Erkenntnis von der Ordnung des Ganzen erhalten. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel IV: Omnino Seite 95-117.
Davon abgeleitet stellt der Theologe, Philosoph und PĂ€dagoge Johann Amos Comenius drei Forderungen des Wissens auf, die das Lehren und Lernen erleichtern sollen:
1. kein lĂŒckenhaftes Teilwissen, sondern ganzheitliches Wissen. 2. kein oberflĂ€chliches, Ă€ußerliches Wissen, sondern festgegrĂŒndete Einsicht. 3. kein beschwerliches, erzwungenes, sondern angenehmes und dauerhaftes Wissen, als Grundlagen des Lehrens und Lernens. Comenius, Johann Amos: Pampaedia a.a.O. Kapitel IV: Omnino, 3. Seite 97.
Das Wissen wird durch vier methodische GrundsĂ€tze des Lernens erreicht. 1. Der Grundsatz der Sicherheit bedeutet, dass jedes Lernen zum richtigen Zeitpunkt, der Altersstufe entsprechend, mit den richtigen Materialien, schrittweise vom Allgemeinen zum Besonderen vollzogen werden soll. 2. Der Grundsatz der Leichtigkeit umfasst das Lernen vom Leichten zum Schwierigen, langsames Vorgehen mit wenigem, aber tief greifenden Lernstoff. 3. Im Grundsatz der GrĂŒndlichkeit muss alles Neue auf das Vorhergehende aufgebaut sein und geĂŒbt werden. 4. Beim Grundsatz der Schnelligkeit soll die Aufmerksamkeit durch sinnliche Anschauung gefördert und durch konzentriertes Arbeiten ein genaues, schnelles Lernen möglich werden. Comenius, Johann Amos: Große Didaktik a.a.O. Seite 86-134.
Ausgehend von diesen Überlegungen, GrundsĂ€tze fĂŒr das Lehren und Lernen durch die Beobachtung der Natur und der natĂŒrlichen Entwicklung abzuleiten, verfasste der Didaktiker und Theologe Johann Amos Comenius folgende Regel fĂŒr alle Lehrenden:
„Daher die goldene Regel fĂŒr alle Lehrenden: Alles soll wo immer möglich den Sinnen vorgefĂŒhrt werden, was sichtbar dem Gesicht, was hörbar dem Gehör, was riechbar dem Geruch, was schmeckbar dem Geschmack, was fĂŒhlbar dem Tastsinn. Und wenn etwas durch verschiedene Sinne gleichzeitig aufgenommen werden kann, soll es den verschiedenen zugleich vorgesetzt werden.“ Comenius, Johann Amos: Große Didaktik. a.a.O. 20. Kapitel, Seite 136-137.
In der Pampaedia beschreibt Comenius die pĂ€dagogische Zielsetzung fĂŒr eine vollkommene Schule.„Vollkommen ihrem Zwecke entsprechend nenne ich die Schule, die wahrhaftig eine Menschen-WerkstĂ€tte ist, wo nĂ€mlich der Geist der Lernenden erleuchtet wird vom Glanze der Weisheit, so dass er sogleich in alles Verborgene und Offenbare einzudringen vermag (Weish. 7, 21); wo die Sinne und ihre Neigungen zu allgemeiner Harmonie der Tugend gelenkt und die Herzen verlockt werden durch die göttliche Liebe, so dass alle, welche um dieser wahren Weisheit willen christlichen Schulen anvertraut sind, schon jetzt auf Erden ein himmliches Leben zu fĂŒhren sich gewöhnen; mit einem Worte dort, wo alle alles allumfassend gelehrt werden. Aber welche Schule hat diese Stufe der Vollkommenheit bisher angestrebt – ganz zu schweigen davon, ob sie sie erreicht hĂ€tte?“
Diese PĂ€dagogische Ordnung wird deutlich in den konzentrischen Kreisen in dem Stufenaufbau der Schule des Lebens mit den vier Schulen in der Schrift „Didactica Magna“ und den acht Schulen in der Schrift „Pampaedia“ des Theologen, Philosophen und PĂ€dagogen Johann Amos Comenius.

Comenius Acht Stufen der Schule des Lebens
Abbildung 2: Die achtfache Abstufung der Schule nach Alter und Fortschritt, nach den AusfĂŒhrungen im Buch Johann Amos Comenius: „Pampaedia“„Allerziehung“ Idee und Entwurf der Grafik: Prof DDr.Dr.h.c. Philipp Eggers, Rheinische Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn und Dr.phil. Bernhard Stalla, UniversitĂ€t MĂŒnchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die „Didactica Magna. Große Didaktik. Die vollstĂ€ndige Kunst, alle Menschen alles zu lehren“ schult den Menschen bis zum 24. Lebensjahr und kennt vier Schulen. Die Mutterschule (1. – 6. Jahr) bildet die Ă€ußeren Sinne des Kindes, damit sie daran gewöhnt werden, GegenstĂ€nde zu erkennen und zu unterscheiden. Sie ist eine Tugendlehre zu Ehrlichkeit, MĂ€ĂŸigkeit, Liebe, ReligiositĂ€t. Die Grund- und Muttersprachschule (7. – 12. Jahr) richtet sich an die Ă€ußeren Sinne, das Vorstellungsvermögen und das GedĂ€chtnis, als allgemeiner Unterricht in der Muttersprache mit EinfĂŒhrung in die allgemeinen, menschlichen Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Zeichnen, Singen, Rechnen, Messen und WĂ€gen.
Die Lateinschule (13. – 18. Jahr) bildet VerstĂ€ndnis und Urteil fĂŒr alle mit den Sinnen aufgenommenen Dinge heran durch Dialektik, Grammatik, Rhetorik und die ĂŒbrigen Wissenschaften und KĂŒnste.
Die UniversitĂ€t (19. – 24. Jahr) lehrt die Willensbildung durch universale Studien und umfassende Darstellung der Wissenschaften und Weisheit.
In der Pampaedia, Allerziehung als vierter Teil der Allgemeinen Beratung ĂŒber die Verbesserung der menschlichen Dinge begleiten acht Schulen den Lebensweg des Menschen. Die Schule des vorgeburtlichen Werdens ist begrĂŒndet auf einer vernĂŒnftigen, ehrenwerten Eheschließung, auf Pflege und Verantwortung der ersten Ehezeit und auf die Sorge fĂŒr das Kind schon vor der Geburt.
Die Schule der frĂŒhen Kindheit (1. bis 6. Jahr) beginnt mit der EinfĂŒhrung in die Sprache, in die Beweglichkeit des Körpers und das Empfinden des GemĂŒts. Sie reicht von der Schulung der Sinneswahrnehmung, der Sitten, des Glaubens, bis zur Klasse des ersten gemeinsamen Unterrichts in Singen, Spiel, Rechnen.
Die Schule des Knabenalters (6. – 12. Jahr) fĂŒhrt in sechs Klassen die Kinder in die LehrfĂ€cher Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion ein.
Die Schule der Reifezeit (13. – 18. Jahr) dient dazu die drei GrundfĂ€higkeiten des Menschen, Denken, Sprechen, Handeln durch Sprachen, KĂŒnste, Wissenschaften, Sitten und Frömmigkeit zu vertiefen und Körper und Geist in sechs Klassen richtig auszubilden.
Die Schule des Jungmannesalters hat die reine Einsicht in die Sachwelt und den Zugang zur Praxis zum Ziel. Durch das eigentliche akademische Studium, die Bildungsreise und die Berufswahl ist diese Schule geprÀgt..
In der Schule des Mannesalters, die mit dem Eintritt in das Berufsleben beginnt, muss der Mensch durch Selbsterziehung seine Aufgaben erledigen.
Die Schule des Greisenalters betont die WĂŒrde des Menschen in Alter und Krankheit und will den Rest des Lebens in richtiger Weise vollenden.
Die Schule des Todes beinhaltet die Vorbereitung auf das Sterben durch die RĂŒckschau auf das leben und das Nachdenken ĂŒber den Glauben.
Johann Amos Comenius betont die Notwendigkeit lebenslangen Lernens, er fordert die gleiche Ausbildung fĂŒr MĂ€nner und Frauen und er konstituiert dadurch gleiche Erziehung und Bildung als Menschenrecht.

Die 4 Schulen in der Didactica Magna
Abbildung 3: Die vierfache Abstufung der Schule nach Alter und Fortschritt, nach den AusfĂŒhrungen im Buch Johann Amos Comenius: „Didactica Magna“„Große Unterrichtslehre“ Idee und Entwurf der Grafik: Prof DDr.Dr.h.c. Philipp Eggers, Rheinische Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn und Dr.phil. Bernhard Stalla, UniversitĂ€t MĂŒnchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Aktuelle Gesichtspunkte zur PĂ€dagogischen Ordnung des Comenius

Johann Amos Comenius denkt in den Kategorien seiner Zeit, fĂŒr ihn gibt es eine Ordnung aller Dinge, die er durch einen realen pĂ€dagogischen und methodischen Erziehungs- und Bildungsprozeß fĂŒr den Menschen erfahrbar und umsetzbar machen möchte. Diese allseitige, allumfassende, allgemeingĂŒltige Ordnung, die der Theologe, Philosoph und PĂ€dagoge Comenius in seiner PĂ€dagogischen Ordnung voraussetzt, ist fĂŒr uns heute nicht mehr gegeben. Alles Wissen steht in unserer Zeit gleichwertig nebeneinander. Es gibt keinen Maßstab fĂŒr eine Auswahl, es sei denn eine subjektive, von Ă€ußerlichen GrĂŒnden diktierte Entscheidung fĂŒr Auswahlkriterien. Es gibt keine gĂŒltige Ordnung, Ordnungsstrukturen, Ordnungssysteme, Ordnungsprinzipien, Ordnungskategorien, die generell anerkannt werden, darum ist auch die BewĂ€ltigung der Wissensvielfalt und der Stoffmenge ein Problem.
Ein zweiter aktueller Gesichtspunkt in der PĂ€dagogischen Ordnung des Comenius ist die Betonung lebenslangen Lernens. Menschliches Leben bedeutet heute stĂ€ndiges Dazu-Lernen. Wer heute nicht lernend lebt, ist schon ein lebender Toter, weil die Welt, in der er lebt, sich stĂ€ndig verĂ€ndert. Je nach Aufgabe und Bewusstsein des Menschen in der Welt sind auch verschiedene Formen von Bildung nach AufnahmefĂ€higkeit, Fassungskraft und Verantwortungsbereich notwendig, aber es darf keine Gradunterschiede in der Bildung geben. Bildung muss als Menschenrecht allen offen stehen, ein gewisser Bildungsgrad soll fĂŒr alle Menschen erreicht werden.
Ein dritter aktueller Gesichtspunkt besteht in der Auffassung des Theologen, Philosophen und PĂ€dagogen Comenius vom Menschen als Geschöpf und nicht als Schöpfer. Der Mensch wird nicht nur als Wesen dieser Welt betrachtet, sondern metaphysisch bestimmt. Der Mensch heute versucht sich oft als Herr der Dinge und der Schöpfung zu verstehen und ĂŒber die Dinge zu verfĂŒgen, wie es seinem Willen entspricht. Es wird der Versuch gemacht, den Menschen als Naturkraft zu bestimmen, dies zeigt sich zum Beispiel sprachlich an den Begriffen Arbeitskraft, Lehrkraft usw.

Orbis Sensualium Pictus Schola Die Schul
Abbildung 4: Johann Amos Comenius „Orbis Sensualium Pictus“ „Bild der Sichtbaren Welt“ NĂŒrnberg: Michael Endter 1658. Nachdruck der Erstausgabe Dortmund: Harenberg Kommunikation 3. Auflage 1985. (Die bibliophilen TaschenbĂŒcher Nr. 30),Kapitel XCVII Schola. Die Schul. S. 198

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FĂŒr Johann Amos Comenius stehen alle Dinge des Menschen und der Welt in einer großen Ordnung zueinander. Die Schule als Begriff fĂŒr Lebenserfahrung durch Erziehung und Bildung hört nie auf. Alles Leben des Menschen ist eine Schule. Wenn die Schule einmal aufhört, dann ist das menschliche Leben an seinem Ende angelangt.
Der Theologe und PĂ€dagoge Johann Amos Comenius hat ein Gebet fĂŒr alle lernenden Menschen verfasst, das die Zusammenfassung dieser Thematik ermöglichen soll.
„Kurzes Gebet der Heranreifenden. O heiliger Gott, durchdringe mich mit dem Wissen um deine GĂŒte! SĂ€ttige mich mit dem Anblick deiner Weisheit! UnterstĂŒtze mich mit deiner hilfreichen Hand! Schenke allen die Gabe, die Schönheit deines göttlichen Wesens zu schildern, auf daß alles verblasse, was nicht du bist, unser Gott. Verleihe uns einen offenen Sinn, ein leichtes VerstĂ€ndnis, ein waches GedĂ€chtnis! Gib Eifer im Wollen und Kraft im Handeln, gib Gelingen allem, was glĂŒcklich begonnen wurde, und Stetigkeit im Fortschreiten – auf daß deine Hand mich ĂŒberall begleite, wohin ich mich wende, und dein Segen mir folge, bis du mich mit den vielen, die dir gehören, zu dir fĂŒhrst. Amen.“